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THEMA: Anachronismus bei Fridolin-Insel im Rhein, Merian

Anachronismus bei Fridolin-Insel im Rhein, Merian 15 Sep 2013 15:12 #8802

Manchmal stolpern Journalisten über Anachronismen, wissen diese
aber nicht zu deuten. Folgend ein Beispiel, wie sich die erfundene oder
fingierte Geschichtsschreibung selbst entlarft.


Zitat Weltwoche, Rico Bandle, Seiten 12-13, Nr. 35/2013:
"Woher kommt das Eiland, genannt Fridolin-Insel?
130 Meter lang und 40 Meter breit ist das dichtbewachsene Stück Land bei der
historischen Holzbrücke von Bad Säckingen. Die Anordnung der Steinbrocken,
die das Ufer vor der Kraft der Fluten schützen, deutet darauf hin, dass der
Mensch an diesem "Naturdenkmal" mitgewirkt hat. Auf den Karten von vor
1900 ist die Insel noch gar nicht eingetragen. Historiker gehen davon aus,
dass die Sandbank in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftauchte.
Auf einem Kupferstich von 1640 ist sie allerdings bereits abgebildet und als
"S. Fridolins Acker" bezeichnet. Entweder ist die Insel also doch älter, oder
sie wurde zwischenzeitlich überflutet und kam Jahrzehnte später wieder zum
Vorschein."






Eine kleine Recherche fördert Bildmaterial von historischen Karten zu Tage.
Siehe [Bilderserie] im Anhang.





Permalink zur Erstausgabe der Dufourkarte mit Rhein und fehlender Fridolin-Insel:
map.geo.admin.ch/?Y=638139&X=267091&zoom...rrent=latest&lang=de

"Erstes amtliches Kartenwerk der Schweiz. Erstausgaben 1845 bis 1865, Nachführungen bis 1939.
25 Blätter. Kartenformat: 70 x 48 cm = 3360 km2. Geländedarstellung: Schattenschraffen,
Reproduktionsart: Kupferstich, Druckverfahren: Tiefdruck (ab 1905 auch: Flachdruck) Anzahl
der Farben: 1 (ab 1908: 2 und ab 1938: 3). Flächentreue unechte Kegelprojektion, Ellipsoid:
Schmidt 1828. Ausgangshöhe: (Repère Pierre du Niton 376,2 m ü. M.)."

"Dufourkarte Hintergrundinformation. Die Topographische Karte der Schweiz 1:100 000 (Dufourkarte)
ist das erste amtliche Kartenwerk, das die Schweiz landesweit abdeckt. Sie wurde zwischen 1845
und 1865 publiziert und entstand damit parallel zum modernen Bundesstaat."
Quelle: www.swisstopo.admin.ch/internet/swisstop.../ma_col/duf_map.html


Die Autoren des Buches "Topografien der Nation" (David Gugerli und Daniel Speich)
fragen richtig: "Wann hat das Neue begonnen?" (S. 101)
Siehe e-collection.library.ethz.ch/eserv/eth:30384/eth-30384-01.pdf

«Man sah sich also gezwungen, alles von Neuem zu beginnen und die Operation so durchzuführen,
als ob vorher nichts unternommen worden wäre, von der Vermessung einer Basis bis zum letzten Dreieck,
damit auf der Gesamtheit der Resultate kein berechtigter Grund zu Zweifeln oder zum Misstrauen lasten
konnte.» Dufour 1861, 5.

Auch auf der Frickkarte von 1870 fehlt die Fridolin-Insel, obwohl weiter links im Rhein bestimmte
Befestigungsbauten und Kleininseln schon eingezeichnet wurden:
map.geo.admin.ch/?Y=638246.5&X=266631&zo...rrent=latest&lang=de

"Siegfriedkarte Hintergrundinformation.
Mit dem Topographischen Atlas der Schweiz 1:25 000/1:50 000 (Siegfriedkarte) wurden die
Originalaufnahmen zur Dufourkarte publiziert. Er erschien zwischen 1870 und 1926, gestützt
auf zwei Bundesgesetze von 1868, als Kooperation zwischen Bund und Kantonen.
Schon während der Fertigstellung der Arbeiten an der Dufourkarte wurde vor allem aus
wissenschaftlich-technischen Kreisen (Geologie, Eisenbahnbau) und von Seiten des 1863
gegründeten Schweizer Alpen-Club (SAC) der Wunsch geäussert, die Aufnahmen in ihrem
Original-Aufnahmemassstab 1:25000 (Jura, Mittelland, Südtessin) bzw. 1:50000 (Alpenraum)
zu publizieren. Parallel dazu wurden im Militärdepartement strukturelle Massnahmen ergriffen
und nach dem Vorbild des französischen Dépôt de la Guerre ein Eidgenössisches Stabsbureau
geschaffen. Dessen Leiter wurde Hermann Siegfried (1819–1879) aus Zofingen. Zu seinen Aufgaben
als Generalstabschef gehörte in erster Linie die Erstellung und Herausgabe des Topographischen
Atlas der Schweiz 1:25 000/1:50 000, das ihm zu Ehren auch «Siegfriedkarte» genannt wird."
Quelle: www.swisstopo.admin.ch/internet/swisstop.../ma_col/sig_map.html


Fazit: Es erscheint als unwahrscheinlich, dass die Fridolin-Insel bereits um 1600/1650/1690 im Rhein bestanden
hatte, dann abgerissen wurde, und dann wieder nach 1900 wieder aufgebaut wurde.

Somit können die Kupferstiche von "Bad Säckingen" ins Reich der rückdatierten Geschichtserfindungen
verfrachtet werden.
Der Kupferstich von Bad Säckingen, (wovon es mehrere Kopien oder Varianten gibt), müsste
also folglich um 1900 entstanden sein.
Einige Geschichtsfälscher lebten viel später als bisher angenommen.

Es gibt weitere Beispiele von Malern oder rückdatierten Zeichnungen, die erst in unserem Jahrhundert
produziert wurden: www.ingolfo.de/schweizer_bilderchro.html
www.ingolfo.de/hieronymos_bosch.html










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Letzte Änderung: von GREK-AV.
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